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Dienstag, 20. März 2007
16.3.07 Radeberg und die Fahrt nach Hause
stephanheinrich, 13:14h
Ist Schiller in Radeberg beerdigt worden? Zumindest könnte man das glauben, wenn man den provisorischen Grabstein und das Blumenbeet mit strahlenförmig angepflanzten Stiefmütterchen in einem Mini-Park sieht.
Viele Städte hier nennen sich nach deutschen Dichtern. Goethe-Stadt, Lessing-Stadt, Schiller-Stadt. Das haben sich bestimmt direkt nach der Wende ein paar frisch geschlüpfte, aus dem Westen importierte BWL-Absolventen im Fremdenverkehrsamt einfallen lassen. Damals kam vieles ostwärts. Auch das Misstrauen.
Einer der Teilnehmer sagt mir heute, dass dieses grundlegende Misstrauen noch heute die bevorzugte Grundhaltung vieler Menschen im „Beitrittsgebiets“ sei. Schließlich ist kurz nach der Wende viel Schindluder mit den Leuten hier getrieben worden.
Ich kenne eine Geschichte wonach zwei Menschen, die Sie und ich als Vollblutverkäufer einstufen würden, ihre damals kargen Gehälter an Wochenenden des Jahres 1991 aufgebessert haben. Sie kauften in den Baumärkten der umliegenden Gemeinden alle Türspione auf, die sie kriegen konnten und fuhren mit Akku-Bohrern bewaffnet in eine Metropole der neuen Bundesländer. Dort klapperten sie die Wohnungen ab, zeigten mit ernster Miene ein frei erfundenes, aber sicher eindrucksvolles angebliches Gesetzespapier vor und behaupteten, dass die nämliche Wohnungstür nicht den gesetzlichen Bestimmungen zu Erkennung unwillkommener Besucher genüge. Sie ließen sich 50 DM Verwarnungsgeld auszahlen und bohrten auf der Stelle ein Loch in die Tür und montierten einen Türspion im Warenwert von rund 3 DM.
Kein Wunder, dass diese und andere Machenschaften bis heute bitter nachwirken. Das scheint sich auch in einer Art textiler Protesthaltung zu manifestieren. Die Menschen, mit denen ich beruflich von Rostock bis Radeberg zu tun habe, unterscheiden sich bei ihrem Modegeschmack erheblich von denen im Westen. Anzüge, Hemden und Krawatten, die man hier sieht, kann man im Westen nicht kaufen. Vielleicht ist das eine Art geheimer Code der ausdrückt: „Du kannst mir und meiner Wollkrawatte vertrauen“.
Am Bahnhof in Dresden wird umgebaut. Monströse, an Baggern montierte Presslufthämmer verrichten ihr Werk. Jeder der hier länger als 10 Minuten auf seinen Zug warten muss, wird vermutlich einen irreparablen Gehörschaden davontragen. Wenn dies eine Fabrikhalle wäre, hätte die Gewerbeaufsicht längst verhindert, dass hier einer länger als zwei Minuten ohne Gehörschutz arbeiten muss.
Umsteigen in Leipzig. Der Schaffner hat einen Clown gefrühstückt. Er betritt den Speisewagen und brüllt. „Ich hätte gerne die Fahrscheine gesehen, wenn Sie nichts dagegen haben“. Als Kommunikationstrainer erkenne ich sofort die sprachliche Ungenauigkeit und bastele an einer passenden Antwort. Der Mitreisende, der vor mir kontrolliert wird, ist schneller: „Bestimmt möchten Sie auch die Fahrscheine sehen, wenn ich was dagegen habe…“. Der Schaffner kontert „Nein. In dem Fall nehme ich Geld“. Ich verwerfe meinen Spruch. 1:0 für den Bahnangestellten. Später rennt er noch mal durch den Wagon und ruft „Mist. Mir ist langweilig.“ Gibt es neue Personalvorschriften bei der Bahn?
Im Speisewagen gibt es ein Sonderangebot. Sie sind aufgefordert „Kombinieren Sie nach Herzenslust!“ Im Klartext: Sie können eine Kartoffelcremesuppe und/oder ein „Eis Creme Vanilla & Chocolat Chips“ mit einem Hauptgericht kombinieren und dadurch zwischen 1,40 und 3,40 sparen. Als Hauptgericht bietet sich Kohlroulade oder „Conchiglioni al treno“ an. Vorausgesetzt, sie wollten das ohnehin bestellen, sparen Sie kräftig. Gibt es wirklich so viele Bahnreisende, die dringend 2 Euro sparen müssen? Und gibt es wirklich viele Menschen, die wissen, was Conchiglioni sind. „Al treno“ könnte „im Zug“ heißen. Das passt dann ja wieder.
Bald ist Wochenende.
Viele Städte hier nennen sich nach deutschen Dichtern. Goethe-Stadt, Lessing-Stadt, Schiller-Stadt. Das haben sich bestimmt direkt nach der Wende ein paar frisch geschlüpfte, aus dem Westen importierte BWL-Absolventen im Fremdenverkehrsamt einfallen lassen. Damals kam vieles ostwärts. Auch das Misstrauen.
Einer der Teilnehmer sagt mir heute, dass dieses grundlegende Misstrauen noch heute die bevorzugte Grundhaltung vieler Menschen im „Beitrittsgebiets“ sei. Schließlich ist kurz nach der Wende viel Schindluder mit den Leuten hier getrieben worden.
Ich kenne eine Geschichte wonach zwei Menschen, die Sie und ich als Vollblutverkäufer einstufen würden, ihre damals kargen Gehälter an Wochenenden des Jahres 1991 aufgebessert haben. Sie kauften in den Baumärkten der umliegenden Gemeinden alle Türspione auf, die sie kriegen konnten und fuhren mit Akku-Bohrern bewaffnet in eine Metropole der neuen Bundesländer. Dort klapperten sie die Wohnungen ab, zeigten mit ernster Miene ein frei erfundenes, aber sicher eindrucksvolles angebliches Gesetzespapier vor und behaupteten, dass die nämliche Wohnungstür nicht den gesetzlichen Bestimmungen zu Erkennung unwillkommener Besucher genüge. Sie ließen sich 50 DM Verwarnungsgeld auszahlen und bohrten auf der Stelle ein Loch in die Tür und montierten einen Türspion im Warenwert von rund 3 DM.
Kein Wunder, dass diese und andere Machenschaften bis heute bitter nachwirken. Das scheint sich auch in einer Art textiler Protesthaltung zu manifestieren. Die Menschen, mit denen ich beruflich von Rostock bis Radeberg zu tun habe, unterscheiden sich bei ihrem Modegeschmack erheblich von denen im Westen. Anzüge, Hemden und Krawatten, die man hier sieht, kann man im Westen nicht kaufen. Vielleicht ist das eine Art geheimer Code der ausdrückt: „Du kannst mir und meiner Wollkrawatte vertrauen“.
Am Bahnhof in Dresden wird umgebaut. Monströse, an Baggern montierte Presslufthämmer verrichten ihr Werk. Jeder der hier länger als 10 Minuten auf seinen Zug warten muss, wird vermutlich einen irreparablen Gehörschaden davontragen. Wenn dies eine Fabrikhalle wäre, hätte die Gewerbeaufsicht längst verhindert, dass hier einer länger als zwei Minuten ohne Gehörschutz arbeiten muss.
Umsteigen in Leipzig. Der Schaffner hat einen Clown gefrühstückt. Er betritt den Speisewagen und brüllt. „Ich hätte gerne die Fahrscheine gesehen, wenn Sie nichts dagegen haben“. Als Kommunikationstrainer erkenne ich sofort die sprachliche Ungenauigkeit und bastele an einer passenden Antwort. Der Mitreisende, der vor mir kontrolliert wird, ist schneller: „Bestimmt möchten Sie auch die Fahrscheine sehen, wenn ich was dagegen habe…“. Der Schaffner kontert „Nein. In dem Fall nehme ich Geld“. Ich verwerfe meinen Spruch. 1:0 für den Bahnangestellten. Später rennt er noch mal durch den Wagon und ruft „Mist. Mir ist langweilig.“ Gibt es neue Personalvorschriften bei der Bahn?
Im Speisewagen gibt es ein Sonderangebot. Sie sind aufgefordert „Kombinieren Sie nach Herzenslust!“ Im Klartext: Sie können eine Kartoffelcremesuppe und/oder ein „Eis Creme Vanilla & Chocolat Chips“ mit einem Hauptgericht kombinieren und dadurch zwischen 1,40 und 3,40 sparen. Als Hauptgericht bietet sich Kohlroulade oder „Conchiglioni al treno“ an. Vorausgesetzt, sie wollten das ohnehin bestellen, sparen Sie kräftig. Gibt es wirklich so viele Bahnreisende, die dringend 2 Euro sparen müssen? Und gibt es wirklich viele Menschen, die wissen, was Conchiglioni sind. „Al treno“ könnte „im Zug“ heißen. Das passt dann ja wieder.
Bald ist Wochenende.
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15.3.07 Radeberg
stephanheinrich, 13:12h
Klar kennen Sie Radeberger. Das Bier meine ich. Das mit der Semperoper. Klar. Aber wenn Sie schon mal in Radeberg waren, dann wissen Sie, dass es ungefähr so weit weg ist von der Semperoper, wie Bochum von Schalke. Aber weil hier kein Ruhrgebiet ist, hat man Gnade vor Recht gelten lassen und Radeberger darf die Semperoper abbilden. Die Brauerei ist schließlich „alles was das alles überstanden har“ sagte mir heute Morgen der Taxifahrer.
Letzterer war ein gesunder Mann in meinem Alter. Ich habe viel zu tragen, wenn ich zu meinen Kunden fahre. Da ist ein Turm aus mehreren Koffern auf einem Wagen. Das ganze kann man zusammenstecken und ist sehr praktisch. Zumindest auf ebenem Untergrund. Wenn eine Treppe dazwischen kommt, wird es kritisch. Denn den gesamten Turm kann man nicht einfach so tragen. Der wiegt wohl so ca. 50kg. Den kann man in zwei Teile zerlegen, den Wagen unter den Arm klemmen und so kurze Stufenpassagen keuchend überbrücken.
Also der Taxifahrer hat mich beobachtet und mir freundliche Blicke zugeworfen, als er mich am Hotel abholte. Er war zwar kurz in der Hotelhalle, hat mein Gepäck gesehen, ist dann aber schnell die 6 Stufen heruntergegangen, um schon mal den Kofferraum zu öffnen. Von dort wirft er mir ermunternde Blicke ob der bevorstehenden Schlepperei zu. „Du schaffst das“ sagt sein Blick und ein besorgtes Zucken durchstreift seine Mimik, als ich mit allem behangen fast die Treppe herabstürze. Ein sorgenfaltenbetontes „schon schwer“ zeigt sein Mitleid als ich mein Material in den Kofferraum wuchte. Das gibt leider kein Trinkgeld, war das feste Vorhaben. Aber nachdem er mich direkt vor dem Eingang absetzte statt 20 Meter entfernt an der Strasse und erschöpft guckte, verwarf ich diese Sanktion. Wenn einer so bedürftig aussieht kann ich nicht anders.
Radeberg war wohl mal für Größeres ausgelegt. Zumindest mag man das denken, wenn man die Brücke über die Gleise in der Nähe des Bahnhofs überquert. In München gibt es eine ähnliche Brücke. Die führt über den Rangierbahnhof im Nordwesten Münchens. Die Altstadt von Radeberg habe ich nicht gefunden. Alles ist beherrscht von der Brauerei und dem angeschlossenen Hotel, in dem ich auch untergebracht bin.
Man sitzt in einem Gastraum, den vermutlich 90% der mir bekannten polyglotten Amerikaner als „original bavarian gemutlikeit“ eingestuft hätten. Dunkle Holzvertäfelungen und in dem schmalen Streifen Wand darüber, der in einem blassen Gelb gehalten ist, mehr Bilder in unterschiedlichen Rahmen als der schlimmste Innenarchitekt für machbar halten würde.
Radeberg ist nicht vom Wohlstand verwöhnt, aber es gibt einen Baumarkt. Und anscheinend alles, was man braucht um in einer Trabantenstadt zu leben.
Mein Kunde ist nicht in einem Industriegebiet. Es ist nicht eines der entseelten Gebäude, wie ich sie im Osten Deutschlands schon so oft erlebt habe. Es ist eine Villa. Gründerzeit oder Jugendstil? Mosaik im Boden. Runderker. Stil. Und viel zu klein. Es scheint, die Menschen sitzen am Boden. Der Seminarraum verstößt vermutlich gegen die Genfer Konventionen zur Unterbringung von Kriegsgefangenen. Man ist eingezwängt aber glücklich. Das färbt ab. Noch nie habe ich ein Seminar unter ähnlich beengten und drastisch unprofessionellen Voraussetzungen gehalten. Ich schwöre. Ich war schon des Öfteren problematischen Umgebungen ausgesetzt. Aber noch nie hat sich daraus ein so intensives, rücksichtsvoll geführtes und engagiertes Miteinander entwickelt. Respekt vor diesem Unternehmen. Auch unter heftigen Bedingungen werden diese Menschen zusammen rücken, das Überleben sichern und fröhlich miteinander und den Mitmenschen umgehen.
Ich hatte im Vorfeld ein wenig Respekt hiervor, weil ich das Wessi-unterdrückt-Ossi Thema im Kopf hatte. In der Vorbereitung gab es schon Anzeichen, dass das in Richtung „Lass den mal kommen, dann zeigen wir dem, wie das hier im Wilden Osten läuft“ abgleitet. Aber nun stelle ich fest, dass die Menschen hier selbstreflektiert und –kritisch sind, wie man sich das als Trainer nur wünscht.
Radeberg, Du hast mein Deutschlandbild neu sortiert.
Letzterer war ein gesunder Mann in meinem Alter. Ich habe viel zu tragen, wenn ich zu meinen Kunden fahre. Da ist ein Turm aus mehreren Koffern auf einem Wagen. Das ganze kann man zusammenstecken und ist sehr praktisch. Zumindest auf ebenem Untergrund. Wenn eine Treppe dazwischen kommt, wird es kritisch. Denn den gesamten Turm kann man nicht einfach so tragen. Der wiegt wohl so ca. 50kg. Den kann man in zwei Teile zerlegen, den Wagen unter den Arm klemmen und so kurze Stufenpassagen keuchend überbrücken.
Also der Taxifahrer hat mich beobachtet und mir freundliche Blicke zugeworfen, als er mich am Hotel abholte. Er war zwar kurz in der Hotelhalle, hat mein Gepäck gesehen, ist dann aber schnell die 6 Stufen heruntergegangen, um schon mal den Kofferraum zu öffnen. Von dort wirft er mir ermunternde Blicke ob der bevorstehenden Schlepperei zu. „Du schaffst das“ sagt sein Blick und ein besorgtes Zucken durchstreift seine Mimik, als ich mit allem behangen fast die Treppe herabstürze. Ein sorgenfaltenbetontes „schon schwer“ zeigt sein Mitleid als ich mein Material in den Kofferraum wuchte. Das gibt leider kein Trinkgeld, war das feste Vorhaben. Aber nachdem er mich direkt vor dem Eingang absetzte statt 20 Meter entfernt an der Strasse und erschöpft guckte, verwarf ich diese Sanktion. Wenn einer so bedürftig aussieht kann ich nicht anders.
Radeberg war wohl mal für Größeres ausgelegt. Zumindest mag man das denken, wenn man die Brücke über die Gleise in der Nähe des Bahnhofs überquert. In München gibt es eine ähnliche Brücke. Die führt über den Rangierbahnhof im Nordwesten Münchens. Die Altstadt von Radeberg habe ich nicht gefunden. Alles ist beherrscht von der Brauerei und dem angeschlossenen Hotel, in dem ich auch untergebracht bin.
Man sitzt in einem Gastraum, den vermutlich 90% der mir bekannten polyglotten Amerikaner als „original bavarian gemutlikeit“ eingestuft hätten. Dunkle Holzvertäfelungen und in dem schmalen Streifen Wand darüber, der in einem blassen Gelb gehalten ist, mehr Bilder in unterschiedlichen Rahmen als der schlimmste Innenarchitekt für machbar halten würde.
Radeberg ist nicht vom Wohlstand verwöhnt, aber es gibt einen Baumarkt. Und anscheinend alles, was man braucht um in einer Trabantenstadt zu leben.
Mein Kunde ist nicht in einem Industriegebiet. Es ist nicht eines der entseelten Gebäude, wie ich sie im Osten Deutschlands schon so oft erlebt habe. Es ist eine Villa. Gründerzeit oder Jugendstil? Mosaik im Boden. Runderker. Stil. Und viel zu klein. Es scheint, die Menschen sitzen am Boden. Der Seminarraum verstößt vermutlich gegen die Genfer Konventionen zur Unterbringung von Kriegsgefangenen. Man ist eingezwängt aber glücklich. Das färbt ab. Noch nie habe ich ein Seminar unter ähnlich beengten und drastisch unprofessionellen Voraussetzungen gehalten. Ich schwöre. Ich war schon des Öfteren problematischen Umgebungen ausgesetzt. Aber noch nie hat sich daraus ein so intensives, rücksichtsvoll geführtes und engagiertes Miteinander entwickelt. Respekt vor diesem Unternehmen. Auch unter heftigen Bedingungen werden diese Menschen zusammen rücken, das Überleben sichern und fröhlich miteinander und den Mitmenschen umgehen.
Ich hatte im Vorfeld ein wenig Respekt hiervor, weil ich das Wessi-unterdrückt-Ossi Thema im Kopf hatte. In der Vorbereitung gab es schon Anzeichen, dass das in Richtung „Lass den mal kommen, dann zeigen wir dem, wie das hier im Wilden Osten läuft“ abgleitet. Aber nun stelle ich fest, dass die Menschen hier selbstreflektiert und –kritisch sind, wie man sich das als Trainer nur wünscht.
Radeberg, Du hast mein Deutschlandbild neu sortiert.
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