Dienstag, 20. März 2007
15.3.07 Radeberg
stephanheinrich, 13:12h
Klar kennen Sie Radeberger. Das Bier meine ich. Das mit der Semperoper. Klar. Aber wenn Sie schon mal in Radeberg waren, dann wissen Sie, dass es ungefähr so weit weg ist von der Semperoper, wie Bochum von Schalke. Aber weil hier kein Ruhrgebiet ist, hat man Gnade vor Recht gelten lassen und Radeberger darf die Semperoper abbilden. Die Brauerei ist schließlich „alles was das alles überstanden har“ sagte mir heute Morgen der Taxifahrer.
Letzterer war ein gesunder Mann in meinem Alter. Ich habe viel zu tragen, wenn ich zu meinen Kunden fahre. Da ist ein Turm aus mehreren Koffern auf einem Wagen. Das ganze kann man zusammenstecken und ist sehr praktisch. Zumindest auf ebenem Untergrund. Wenn eine Treppe dazwischen kommt, wird es kritisch. Denn den gesamten Turm kann man nicht einfach so tragen. Der wiegt wohl so ca. 50kg. Den kann man in zwei Teile zerlegen, den Wagen unter den Arm klemmen und so kurze Stufenpassagen keuchend überbrücken.
Also der Taxifahrer hat mich beobachtet und mir freundliche Blicke zugeworfen, als er mich am Hotel abholte. Er war zwar kurz in der Hotelhalle, hat mein Gepäck gesehen, ist dann aber schnell die 6 Stufen heruntergegangen, um schon mal den Kofferraum zu öffnen. Von dort wirft er mir ermunternde Blicke ob der bevorstehenden Schlepperei zu. „Du schaffst das“ sagt sein Blick und ein besorgtes Zucken durchstreift seine Mimik, als ich mit allem behangen fast die Treppe herabstürze. Ein sorgenfaltenbetontes „schon schwer“ zeigt sein Mitleid als ich mein Material in den Kofferraum wuchte. Das gibt leider kein Trinkgeld, war das feste Vorhaben. Aber nachdem er mich direkt vor dem Eingang absetzte statt 20 Meter entfernt an der Strasse und erschöpft guckte, verwarf ich diese Sanktion. Wenn einer so bedürftig aussieht kann ich nicht anders.
Radeberg war wohl mal für Größeres ausgelegt. Zumindest mag man das denken, wenn man die Brücke über die Gleise in der Nähe des Bahnhofs überquert. In München gibt es eine ähnliche Brücke. Die führt über den Rangierbahnhof im Nordwesten Münchens. Die Altstadt von Radeberg habe ich nicht gefunden. Alles ist beherrscht von der Brauerei und dem angeschlossenen Hotel, in dem ich auch untergebracht bin.
Man sitzt in einem Gastraum, den vermutlich 90% der mir bekannten polyglotten Amerikaner als „original bavarian gemutlikeit“ eingestuft hätten. Dunkle Holzvertäfelungen und in dem schmalen Streifen Wand darüber, der in einem blassen Gelb gehalten ist, mehr Bilder in unterschiedlichen Rahmen als der schlimmste Innenarchitekt für machbar halten würde.
Radeberg ist nicht vom Wohlstand verwöhnt, aber es gibt einen Baumarkt. Und anscheinend alles, was man braucht um in einer Trabantenstadt zu leben.
Mein Kunde ist nicht in einem Industriegebiet. Es ist nicht eines der entseelten Gebäude, wie ich sie im Osten Deutschlands schon so oft erlebt habe. Es ist eine Villa. Gründerzeit oder Jugendstil? Mosaik im Boden. Runderker. Stil. Und viel zu klein. Es scheint, die Menschen sitzen am Boden. Der Seminarraum verstößt vermutlich gegen die Genfer Konventionen zur Unterbringung von Kriegsgefangenen. Man ist eingezwängt aber glücklich. Das färbt ab. Noch nie habe ich ein Seminar unter ähnlich beengten und drastisch unprofessionellen Voraussetzungen gehalten. Ich schwöre. Ich war schon des Öfteren problematischen Umgebungen ausgesetzt. Aber noch nie hat sich daraus ein so intensives, rücksichtsvoll geführtes und engagiertes Miteinander entwickelt. Respekt vor diesem Unternehmen. Auch unter heftigen Bedingungen werden diese Menschen zusammen rücken, das Überleben sichern und fröhlich miteinander und den Mitmenschen umgehen.
Ich hatte im Vorfeld ein wenig Respekt hiervor, weil ich das Wessi-unterdrückt-Ossi Thema im Kopf hatte. In der Vorbereitung gab es schon Anzeichen, dass das in Richtung „Lass den mal kommen, dann zeigen wir dem, wie das hier im Wilden Osten läuft“ abgleitet. Aber nun stelle ich fest, dass die Menschen hier selbstreflektiert und –kritisch sind, wie man sich das als Trainer nur wünscht.
Radeberg, Du hast mein Deutschlandbild neu sortiert.
Letzterer war ein gesunder Mann in meinem Alter. Ich habe viel zu tragen, wenn ich zu meinen Kunden fahre. Da ist ein Turm aus mehreren Koffern auf einem Wagen. Das ganze kann man zusammenstecken und ist sehr praktisch. Zumindest auf ebenem Untergrund. Wenn eine Treppe dazwischen kommt, wird es kritisch. Denn den gesamten Turm kann man nicht einfach so tragen. Der wiegt wohl so ca. 50kg. Den kann man in zwei Teile zerlegen, den Wagen unter den Arm klemmen und so kurze Stufenpassagen keuchend überbrücken.
Also der Taxifahrer hat mich beobachtet und mir freundliche Blicke zugeworfen, als er mich am Hotel abholte. Er war zwar kurz in der Hotelhalle, hat mein Gepäck gesehen, ist dann aber schnell die 6 Stufen heruntergegangen, um schon mal den Kofferraum zu öffnen. Von dort wirft er mir ermunternde Blicke ob der bevorstehenden Schlepperei zu. „Du schaffst das“ sagt sein Blick und ein besorgtes Zucken durchstreift seine Mimik, als ich mit allem behangen fast die Treppe herabstürze. Ein sorgenfaltenbetontes „schon schwer“ zeigt sein Mitleid als ich mein Material in den Kofferraum wuchte. Das gibt leider kein Trinkgeld, war das feste Vorhaben. Aber nachdem er mich direkt vor dem Eingang absetzte statt 20 Meter entfernt an der Strasse und erschöpft guckte, verwarf ich diese Sanktion. Wenn einer so bedürftig aussieht kann ich nicht anders.
Radeberg war wohl mal für Größeres ausgelegt. Zumindest mag man das denken, wenn man die Brücke über die Gleise in der Nähe des Bahnhofs überquert. In München gibt es eine ähnliche Brücke. Die führt über den Rangierbahnhof im Nordwesten Münchens. Die Altstadt von Radeberg habe ich nicht gefunden. Alles ist beherrscht von der Brauerei und dem angeschlossenen Hotel, in dem ich auch untergebracht bin.
Man sitzt in einem Gastraum, den vermutlich 90% der mir bekannten polyglotten Amerikaner als „original bavarian gemutlikeit“ eingestuft hätten. Dunkle Holzvertäfelungen und in dem schmalen Streifen Wand darüber, der in einem blassen Gelb gehalten ist, mehr Bilder in unterschiedlichen Rahmen als der schlimmste Innenarchitekt für machbar halten würde.
Radeberg ist nicht vom Wohlstand verwöhnt, aber es gibt einen Baumarkt. Und anscheinend alles, was man braucht um in einer Trabantenstadt zu leben.
Mein Kunde ist nicht in einem Industriegebiet. Es ist nicht eines der entseelten Gebäude, wie ich sie im Osten Deutschlands schon so oft erlebt habe. Es ist eine Villa. Gründerzeit oder Jugendstil? Mosaik im Boden. Runderker. Stil. Und viel zu klein. Es scheint, die Menschen sitzen am Boden. Der Seminarraum verstößt vermutlich gegen die Genfer Konventionen zur Unterbringung von Kriegsgefangenen. Man ist eingezwängt aber glücklich. Das färbt ab. Noch nie habe ich ein Seminar unter ähnlich beengten und drastisch unprofessionellen Voraussetzungen gehalten. Ich schwöre. Ich war schon des Öfteren problematischen Umgebungen ausgesetzt. Aber noch nie hat sich daraus ein so intensives, rücksichtsvoll geführtes und engagiertes Miteinander entwickelt. Respekt vor diesem Unternehmen. Auch unter heftigen Bedingungen werden diese Menschen zusammen rücken, das Überleben sichern und fröhlich miteinander und den Mitmenschen umgehen.
Ich hatte im Vorfeld ein wenig Respekt hiervor, weil ich das Wessi-unterdrückt-Ossi Thema im Kopf hatte. In der Vorbereitung gab es schon Anzeichen, dass das in Richtung „Lass den mal kommen, dann zeigen wir dem, wie das hier im Wilden Osten läuft“ abgleitet. Aber nun stelle ich fest, dass die Menschen hier selbstreflektiert und –kritisch sind, wie man sich das als Trainer nur wünscht.
Radeberg, Du hast mein Deutschlandbild neu sortiert.
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